„Begleitet auf allen Wegen“ – Dieses Motto habt ihr für eure Sendungsfeier gewählt. Es passt sehr gut zum Schutzengeltag, den wir heute feiern und hat auch mit dem Dienst, den ihr heute im Auftrag und mit der Sendung der Kirche offiziell übernehmt, zu tun.
Fragen wir aber zuerst: Was ist ein Engel und wie können wir füreinander gute Engel sein? Die Schrifttexte, die wir gehört haben und die kirchliche Tradition weisen uns auf zwei Aspekte, auf zwei Grundhaltungen hin:
Der Engel ist einerseits ein Geschöpf, das mit der ganzen Existenz auf Gott ausgerichtet ist. „Die Engel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters“, hat Jesus gesagt. Das heißt: Engel sind bei Gott, vor Gott und ganz für Gott verfügbar. Darum enden alle Engelnamen mit der Silbe „-el“: Gabriel, Raffael, Michael… „El“ bedeutet „Gott“. Schon der Name der Engel sagt alles über ihr Wesen und Sein. Engel sind vor Gott, bei Gott und ganz für Gott verfügbar.
Und daraus ergibt sich eine zweite Grundhaltung: Engel sind als Gottes Boten ganz nah bei uns Menschen, um uns zu zeigen, was gut und richtig und der Wille Gottes ist. Was Gott mit uns und für uns will, ist nichts Fremdes oder von außen Aufgezwungenes, sondern es ist unsere wahre Identität, die oft verschüttet und verdeckt wird. Engel beschützen und begleiten uns auf unserem Lebensweg und helfen uns, der Mensch zu werden, der wir in Gottes Augen sind.
„Achte auf die Stimme des Engels! Widersetze dich ihm nicht!“, haben wir in der Lesung gehört, und: „Ich werde dir einen Engel schicken, der dich auf dem Weg schützt und dir vorausgeht.“ Ich bin sicher, dass jetzt viele der hier Anwesenden von Situationen erzählen könnten, wo sie erfahren durften: ich bin beschützt und begleitet, da habe ich einen Schutzengel gehabt.
Mit diesen beiden Grundhaltungen sagt uns die Bibel alles, was wir über Engel wissen müssen. Das genügt. Ganz bei Gott und zugleich auch ganz bei den Menschen sein – in dieser Hinsicht können Engel für uns alle, und in besonderer Weise auch für euren Dienst als Pastoralassistenten, als Pflegeheim- und Krankenhausseelsorgerinnen wichtig sein. Über diese beiden Grundhaltungen möchte ich mit euch nachdenken.
Von den Engeln lernen, wie wir vor Gott, bei Gott und ganz für Gott verfügbar sein können.
Bei unserer Begegnung vor zwei Wochen habe ich es euch ans Herz gelegt und ich wiederhole mich: Bitte achtet auf euch, auf euer geistliches Leben und sorgt dafür, dass euer inneres Feuer nicht erlischt! Denn nur wer innerlich brennt, kann leuchten.
Ganz für Gott verfügbar und immer bei ihm sein wie ein Engel, das wird uns nicht gelingen. Aber immer wieder und immer mehr in der Stille, beim Lesen der Heiligen Schrift, im Gebet und in der Feier der Eucharistie in Gott eintauchen, das können wir sehr wohl. Schöpft aus spirituellen Quellen, holt euch in der Nähe Gottes Kraft und Freude für euren Dienst und seine Zusage: Du bist geliebt, begleitet und beschützt!
Von den Engeln lernen, wie wir Gottes Boten und nahe bei den Menschen sein können.
Denn nur dann – und jetzt komme ich zur 2. Grundhaltung – könnt ihr für andere Menschen gute Begleiter, Seelsorgerinnen und Seelsorger sein. Ihr seid wie gute Engel Gottes Boten: wenn ihr Jugendliche und Studierende begleitet und ermutigt, wenn ihr Kranken und Sterbenden beisteht, wenn ihr Trauernde tröstet und stärkt, wenn ihr mit den Menschen in Pfarrgemeinden auf dem Weg seid und sie zum Aufbruch ermutigt, wenn ihr Fragen aushaltet, Freuden und Sorgen der Menschen teilt, ihnen den Horizont des Glaubens öffnet und ihre Sehnsucht nach Gott weckt.
Je mehr ihr bei Gott und von ihm begleitet seid, umso mehr wird es euch gelingen, für andere da zu sein und sie gut zu begleiten.
Kind sein
Neben diesen zwei Grundhaltungen, die wir von den Engeln lernen können, gibt uns das Evangelium aber noch einen dritten Hinweis. Jesus stellt ein Kind in die Mitte und sagt: Kehrt um und werdet wie die Kinder! – Damit ist natürlich nicht gemeint, dass wir kindisch und unselbständig werden sollen.
Ich habe euch als beeindruckende, begabte, motivierte und spirituelle Menschen kennengelernt, und ich bin froh und dankbar, dass es euch in unserer Kirche gibt. Ihr habt Talente und Charismen, Ideen und Visionen, ihr bringt vieles mit. Für das Reich Gottes fruchtbar wird eure Arbeit und euer Einsatz, wenn das Kind in euch lebendig bleibt. Denn das „Kind in uns“ ist der Mystiker in uns! Achtet auf euer inneres Kind! Damit meine ich die Fähigkeit zu staunen und ganz im Augenblick aufzugehen, mit Neugier auf das Leben und Interesse an den Menschen, mit offenem Herzen und der Bereitschaft, euch von Gott helfen und führen zu lassen und ihm blind zu vertrauen.
Die beiden Grundhaltungen der Engel und die Umkehr zum Kindsein sind Wegweiser für euren Dienst in der Kirche und lassen sich zusammenfassen in einem Wort: Mystiker, Mystikerin sein.
Mystiker sind Menschen, die sich wie die Engel fest und tief in Gott einwurzeln und in ihn eintauchen. Wer aber bei Gott eintaucht, taucht als guter Engel neben seiner Schwester und seinem Bruder wieder auf.
In der Pastoral brauchen wir keine Kirchenfunktionäre oder Beamten, die Dienst nach Vorschrift machen, sondern Mystikerinnen und Mystiker.
Danke, dass es euch gibt und Gottes Segen für euren Dienst in der Erzdiözese Wien!